Atem – Ein Unterrichtsprojekt in Kooperation mit dem Institut für Angewandte Theaterwissenschaft Gießen

Inhalt dieses Unterrichtsprojektes soll ausgehend von dem Stück „Atem“ von Mauricio Kagel die Erarbeitung verschiedener Konzertkonzepte sein, die die traditionelle Konzertsituation unter unterschiedlichen Zielsetzungen hinterfragen und erweitern, um abschließend eines davon in Kooperation mit dem Künstler Jan-Tage Kühling (Institut für Angewandte Theaterwissenschaft Gießen) zur Aufführung zur bringen. Das Stück „Atem“ eignet sich dafür in idealer Weise, da es performative Handlungen, die im Allgemeinen der Vorbereitung der Aufführung dienen, sowie musikalische „Vorübungen“ zu einem zentralen Bestandteil des Werkes macht. Durch diese Theatralisierung gewinnt das Publikum einen völlig neuen Zugang zu bis dahin in der Wahrnehmung untergeordneten Aspekten einer musikalischen Aufführung. Im Folgenden möchte ich dazu einige grundlegende künstlerische Forschungsaspekte und Ideen schildern:

1)  Körper und Raum: „Atem“ als formaler Rahmen einer  Aufführung
Der formale Ablauf des Stückes „Atem“ könnte hervorragend als Rahmen für eine konzertante Performance dienen, die den zeitlichen Rahmen des Stückes durch Einschübe verschiedener performativer Aktionen auf die Dauer eines ganzen Konzertes ausdehnt. Elemente wie das Betreten der Bühne, das Auspacken und die sorgfältige Pflege des Instruments, das Zusammenbauen und wieder Zerlegen, bilden die performativen Eckpfeiler, in die ausgewählte Kompositionen eingebettet werden. „Atem“ wird quasi auf die Länge eines Konzerts gestreckt (ca. 60 Minuten), anstelle von einzelnen Tönen werden Kompositionen gespielt, die ebenfalls den Grundgedanken von Kagels Komposition aufgreifen: Der Musiker, der sich an den (technischen) Anforderungen abarbeitet, strikt den Anweisungen folgt, sein Leben mit Etüden und Übungen verbringt – und dennoch bleibt das Ergebnis höchst unvollkommen, es bleiben nur brüchige, verzerrte Klänge voller Verzweiflung. Musik wird hier – sowohl in Kagels Stück, als auch in den ausgewählten Kompositionen – mit all ihren ermüdenden Begleiterscheinungen des professionellen Künstlerlebens sichtbar und spürbar.

Mögliche Stücke, die sich in dieses Konzept einbetten ließen, könnten unter anderem „Gesti“ (1966) von Luciano Berio, „Gebräuchliches“ (1972) von Rolf Riehm (*1937) oder auch eine neue Komposition von Ansgar Beste (*1981) für präparierte Subbass-Blockflöte sein, die ich im Februar 2013 in Auftrag gegeben habe. Alle diese Kompositionen beschäftigen sich mit der Demontage traditioneller Spieltechniken und Hörgewohnheiten, bei denen dem gestischen Moment des Musizierens ein hoher Stellenwert eingeräumt wird. In der Zusammenarbeit mit einer Gruppe von Studierenden sollen ebenfalls Werke aus deren individuellem Repertoire transformiert und „zerlegt“ werden sowie in Gruppenimprovisation/ Performance übergehen.

2) Präsenz und Illusion: Kombination von Live-Performance und Videoprojektion
Für gewöhnlich werden für das Stück „Atem“ zwei Akteure benötigt: Einer, der sich ausschließlich mit seinem Instrument beschäftigt, und einer, der auf seinem Instrument Klänge erzeugt. Diese zwei Personen symbolisieren gewissermaßen die Zerrissenheit des Musikers zwischen Kunst und Handwerk, zwischen Perfektion und Versagen.
Diese Zerrissenheit des Musikers könnte mit Hilfe einer Videoprojektion von einer Person dargestellt werden: Eine Person befindet sich live auf der Bühne und performt, während gleichzeitig dieselbe Person in einer Videoprojektion zu sehen ist, wie sie gewissenhaft ihr Instrument zusammenbaut, zerlegt und pflegt. Im Sinne des modernen Theaters etwa von Frank Castorf könnte sich auch die ausführende Musikerin/ eine Gruppe von MusikerInnen an einem anderen Ort (Hinterbühne) befinden und für das Publikum vor allem mittels Projektion sichtbar werden: die Grenzen zwischen Medium (Video) und realer Situation verwischen und lösen sich auf.

AtemMenschUndMaschine

„Mensch und Maschine“
(Bildquelle: Privat)

3) Mensch und Maschine: eine Tragödie
Jener Gedanke des Musikers als gespaltene Persönlichkeit, die stets schwankt zwischen Perfektion und Versagen, zwischen Kunst und Handwerk, dessen Lebenszeit verrinnt, während er sich mit Banalitäten abgibt, ließe sich auch weiter entwickeln: Da der Musiker begriffen hat, dass er niemals vollkommene Perfektion erlangen wird, hat er begonnen gemeinsam mit Maschinen zu musizieren, um sich nicht weiter der Unberechenbarkeit menschlicher Spielpartner auszusetzen.
Voller Eifer bedient er sein Orchester aus selbst gebauten selbstspielenden Instrumenten und mechanischen Tieren, die Klänge erzeugen und Instrumente bedienen. Am Ende ist er nur noch damit beschäftigt sein „Orchester“ in Gang zu halten, stellenweise versucht er verzweifelt mitzuspielen – ähnlich der Frau von heute, die versucht den Spagat zwischen Beruf und Familie mit Hilfe hoch technisierter Haushaltsgeräte zu bewältigen. Musiker wie auch Frau werden Opfer der Technik, der Traum vom perfekten, kontrollierbaren Orchester des Lebens erweist sich als außer Kontrolle geratener Albtraum.

AtemHürdenläuferin

Hürdenläuferin
(Bildquelle: http://www.sport1.de,
abgerufen am 07.01.2014)

4) Virtuosität als Sport: eine Komödie
Ähnlich wie ein Hürdenläufer müssen die Musiker/ Performer eine Reihe von Hindernissen überwinden. Im Raum sind mehrere Stationen aufgebaut: Teilweise handelt es sich um „Musizier-Stationen“, an denen die Akteure ein bestimmtes Musikstück zu meistern haben, an anderen Stationen müssen körperliche Aufgaben bewältigt werden, die stets ein Musikinstrument im Zentrum haben.
Besonders für dieses Projekt ist es sinnvoll, eine Gruppe von Studierenden im Rahmen der Fächer Improvisation und Künstlerische Forschung in die Konzeption und Aufführung mit einzubeziehen.
Dadurch können viele verschiedene Aspekte und Aufgaben auf diesem „Hindernisparcours“ entwickelt werden, der dadurch eine Art absurdes Theater über den Musikeralltag zwischen Perfektion und Verzweiflung darstellt.
Dies kann innerhalb der laufenden Lehrveranstaltungen der Hochschule in zunehmender Eigenverantwortlichkeit der Stipendiatin mitgestaltet werden (Mentor: Jeremias Schwarzer, Dozent für Aktuelle Musik).

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