Gilbert and George – the living sculpture

Gilbert&GeorgeNakedShit

Aus der Reihe „Naked Shit Pictures“ [1]

… Eine gewisse Ähnlichkeit ist unverkennbar: Wie viele Werke von Gilbert and George erinnert auch dieses sakral anmutende Bild aus der Serie „Naked Shit Pictures“ von 1995 mit seinen kräftigen Farben und der Rasterunterteilung an ein viktorianisches Kirchenfenster.

GlasfensterJesus

Zum Vergleich: Jesus am Kreuz (viktorianische Glasmalerei) [2]

Auf diese Weise starten Gilbert and George einen Angriff auf die Gesellschaft und üben Kritik an ihr. Angesichts des scheinbaren Widerspruchs zwischen ihren provokanten, poppigen Bildern und der äußeren Erscheinung der beiden stets Anzug tragenden Künstler entsteht ein groteskes Spannungsfeld zwischen Gesellschaftskritik und gesellschaftlichem Konformismus.

Gesellschaftskritik und Provokation
Gilbert and George wurden Ende der 1970er Jahre mit ihren großformatigen, schrillen Fotoarbeiten bekannt. Dabei sind sie stets selbst auf den Bildern zu sehen – entweder als agierende, oder als betrachtende Figuren. Wie zwei stumme Kommentatoren sind sie immer präsent. Häufig widmete sich das Künstlerpaar dabei der Darstellung von Geschlechtsorganen und Fäkalien, oft sind sie selbst nackt auf den Arbeiten zu sehen. Mit Werken wie der Serie „Naked Shit Pictures“ und „In the piss“ begaben sie sich in den 90er Jahren schließlich auf eine regelrechte „Reise ins Innere“, indem sie begannen stark vergrößerte Bilder von Körperflüssigkeiten zu machen.[3]

Gilbert&GeorgeInThePiss

„In the piss“ [4]

Durch die extreme Vergrößerung realisiert der Betrachter meist erst bei Kenntnisnahme des Bildtitels, was sich hinter den floral anmutenden Mustern verbirgt. Ein Angriff auf die Tabuisierung von Fäkalien, und damit auch auf das gestörte Verhältnis zum eigenen Körper in unserer Gesellschaft.
Auffällig in ihren Werken sind auch die oft leuchtenden Farben: Nachdem Gilbert and George zunächst ausschließlich mit schwarz- weiß Aufnahmen gearbeitet hatten, kamen später rot und gelb hinzu – die Bandbreite leuchtender Farben erweiterte  sich stetig. Die Wahl der Farben ist dabei nie beliebig, sondern besitzt stets Symbolcharakter.

A London Picture/ It’s written all over them
Mit ihrer Reihe „London Pictures“ von 2012 etwa konfrontiert das Künstlerduo den Betrachter mit der medialen Hysterie, die tagein tagaus auf uns hereinprasselt: Endlose Schreckensmeldungen im Fernsehen, grausame Schlagzeilen auf Zeitungskästen – wir haben die Augen bereits verschlossen. Gilbert and George sind in London auf die Jagd nach eben diesen Schreckensmeldungen auf Zeitungskästen gegangen, haben sie thematisch nach Begriffen wie “bomb”, “guns”, “jailed”, “killed”, “hell”[5] katalogisiert, und schließlich am Computer arrangiert. Die Zeitungsposter stellen gewissermaßen eingefrorene Momentaufnahmen des täglichen Londoner Gefühlschaos dar.[6]
Als verbindendes Element dienen Fotos der Künstler selbst, oder Aufnahmen von London, die großformatig in Szene gesetzt als Hintergrund der Schreckenscollage dienen. Ähnlich wie in ihrem Frühwerk sind die Farben der „London Pictures“ auf schwarz und weiß beschränkt – ergänzt durch die hautfarbenen Gesichter der beiden Künstler sowie die blutroten Schlagwörter, die den Bildern auch den jeweiligen Titel geben – platziert über einer Abbildung einer englischen Pfund Münze, die das Profil der Queen trägt, versehen mit den Worten: „ A London Picture/ It’s written all over them“[7].

Gilbert&GeorgeLondonPictures

Aus der Serie „London Pictures“ [8]

Die Zeitungsplakate stellen einen regelrechten „[…] Angriff[en] auf Verstand und Besonnenheit [dar, ]durch die grellen Schlagzeilen zu Gewalt, Leidenschaft, Elend und Habgier – kommt zum Ausdruck, was man als Londons Nervensystem bezeichnen könnte: die Triebe, Instinkte, Reflexe, Zuckungen, Wallungen und Sensibilitäten einer ungeheuren Sturzflut menschlicher Existenz. Derartig bloßgelegte Gefühle waren schon immer sowohl Gegenstand als auch Wesen der Kunst von Gilbert & George, genauso wie derartige Emotionen und Empfindungen, Handlungen und historische Konsequenzen das Stadtgefüge prägten und sein Empfindungsvermögen wachhielten.“[9]
Mit ihren „London Pictures“ gelingt es Gilbert and George ihrem Anliegen nachzukommen, über Wissensgrenzen hinweg direkt zu den Menschen über ihr Leben zu sprechen, nicht über ihre Kunstkenntnisse.[10]

Ordnung ist das halbe Leben
Ihr Hang zur Ordnung steht den beiden stets korrekt britisch gekleideten, bekennenden Royalisten ins Gesicht geschrieben[11]:
Ordnung ist für sie das halbe Leben, ermöglicht sie einem doch den Kopf frei zu halten. So besuchen beide seit Jahren jeden Abend das selbe Lokal, um jeden Abend das Gleiche zu bestellen – um den Kopf nicht mit der Wahl des Essens zu belasten. Überhaupt sammelt und ordnet das Künstlerpaar gerne – und zwar nicht nur Vasen, Toilettenpapier oder Seifen, sondern in erster Linie Fotos: Mit einer 35mm Kamera gehen sie auf Streifzüge quer durch London. Die Ausbeute wird anschließend thematisch sortiert und archiviert – für Gilbert and George eine Art, sich mit ihrem Material vertraut zu machen. Auf diese Weise ist im Laufe der Zeit ein riesiges Archiv von Fotonegativen entstanden. Selbst Kino- oder Konzertbesuche gehören für Gilbert and George seit langem der Vergangenheit an – sie wollten ihren Kopf frei halten für Eindrücke von außen.
Ähnlich, wie es John Cage mit seiner auf das Wesentliche reduzierten Kunst gelang die Wahrnehmung des Publikums offen für neue Erfahrungen zu halten, ist es Gilbert and George ein Anliegen durch ein auf das Wesentliche reduzierte Alltagsleben den Kopf für ihre Kunst frei zu halten. Die destillierte Essenz findet sich anschließend in ihren Werken wieder. Ebenso wie John Cage sehen sie ihre Aufgabe als Künstler darin, Fragen zu stellen – mit dem Vorteil, dass sie zu zweit sind: Während Cage sich bei der Fragestellung gerne ein gegenüber suchte und sich verschiedener Zufallsverfahren wie dem I-Ging bediente, können Gilbert and George ihr Gegenüber direkt befragen und sich gegenseitig bestärken. [12]

HIER: Interessantes Video zur den „London Pictures“


Art abaout live, not art about form/ The living sculpture
Gilbert (mit bürgerlichem Namen Gilbert Prousch) and George (George Passmore) lernten sich während ihres Kunststudiums in den späten 1960er Jahren in London kennen. Seitdem bilden sie die Lebens- und Arbeitsgemeinschaft „Gilbert and George“. Zunächst studierten sie Bildhauerei. Allerdings interessierten sie sich wenig für die um sie herum als so wichtig bewertete Bedeutung des Materials. Stattdessen wurden sie lieber selbst zur Skulptur. Sie wollten eine Kunst, die mehr menschlich, als formalistisch ist. Die Idee der „living sculpture“ – zwei Personen, aber ein Künstler – war geboren.
Wie auch die Anhänger der FLUXUS-Bewegung beschlossen sie, keine Trennung von Kunst und Leben mehr zulassen zu wollen. Was sie wollten, war eine „Kunst, die vom Leben handelt, keine Kunst, die sich um Form dreht“[13].

Bekannt wurden Gilbert and George 1969 durch ihre Performance „Singing sculpture“, mit der sich beide als Künstler vorstellen, und sich selbst zum Zentrum der Kunst machen wollten. Mit bronzefarben bemalten Gesichtern sangen und posierten sie mit mechanischen Bewegungen, meist auf einem Tisch stehend, zu dem altmodischen Hit „Underneath the Arches“ des Comedypaares Flanagan and Allen von 1932[14]:

HIER: Video zu „Singing sculpture“

Gilbert and George waren und blieben stets Außenseiter, denn sie machten keine Kunst, vielmehr machten sie sich selbst zu Kunst. Dabei distanzieren sie sich klar von der Avantgarde: Ihre Kunst soll moralisch sein, ihre Bilder sollen einfangen, wie sie sich im Moment der Aufnahme gefühlt haben. Dabei denken sie keineswegs fotografisch. Das Wichtigste ist für sie die Idee, die Botschaft, die übermittelt werden soll. Die resultierenden Bilder sind vielmehr Momentaufnahmen performativer Aktionen – alles, was sie taten, war Skulptur.[15]

Dabei war das Werk „Balls: The Evening Before the Morning After – Drinking Sculpture“ von 1972 ein wichtiger Meilenstein bei der Entwicklung ihrer Idee der „living sculpture“, bei der sie mit verschiedenen Medien experimentierten. Nachdem das Duo zum ersten Mal 1000 Pfund mit einer Arbeit verdient hatte, beschlossen sie das Geld in Alkohol zu investieren. Überhaupt war das Trinken und betrunken Werden ein frühes Thema in ihrem Schaffen. Die Fotos der „Drinking sculpture“ wurden schließlich in der „Balls Brothers Wine Bar“ – der Stammkneipe von Gilbert and George – aufgenommen. Die Bilder sind dabei verzerrt, zerstückelt und verschwommen, um das Gefühl des betrunken Seins zu verbildlichen. Anschließend wurden die einzelnen Fotos ordentlich gerahmt und in einer großflächigen Komposition positioniert.

Balls: The Evening Before the Morning After - Drinking Sculpture 1972 by Gilbert & George born 1943, born 1942

„Drinking sculpture“ [16]

LINK zur offiziellen Homepage von Gilbert and George – ist für einige Überraschungen gut!


[1] Bildquelle: http://www.escapeintolife.com/essays/gilbert-and-george/ (abgerufen am 17. März 2014)

[3] Aus einer Dokumentation der BBC, Quelle:  http://www.youtube.com/watch?v=NUxVkYKStMI, (abgerufen am 20. März 2014)

[4] Bildquelle: http://www.rawfunction.com/gilbert-george (abgerufen am 17. März 2014)

[8] Bildquelle: http://www.phaidon.com/resource/gilbert-and-george-sex.jpg (abgerufen am 20. März 2014)

[12] Aus einer Dokumentation der BBC, Quelle:  http://www.youtube.com/watch?v=NUxVkYKStMI (abgerufen am 20. März 2014)

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