Marina Abramović – Der Körper als Kunstwerk

The artist is present

Drei Monate, sechs Tage die Woche, sieben Stunden täglich: Sitzen. Sitzen und fremden Menschen ins Gesicht blicken. Regungslos, ohne Pausen.

„Das Schwierigste ist es etwas zu tun, das dem Nichts tun nahe kommt“, sagt Marina Abramović in dem Dokumentationsfilm über ihre große Retrospektive „The artist is present“, die 2010 im Museum of Modern Art (MoMA) in New York stattfand.
Doch tut die Künstlerin wirklich „Nichts“?

Die teils heftigen Reaktionen der ihr gegenüber sitzenden Personen sprechen eine andere Sprache: Es fließen Tränen und allein die unterschiedliche Mimik der ihr gegenüber sitzenden Menschen zog Massen von Zuschauern in das Museum. Warum hat dieses „Nichts“ (vgl. auch John Cage) eine derart starke Wirkung auf uns?
Vielleicht, weil Marina Abramović in ihrer Sitz-Performance zu „The artist is present“ einen echten Raum puren Seins erschafft: In einem leeren Raum sitzt sie ihr fremden Personen gegenüber und blickt ihnen direkt ins Gesicht. Nichts ist gespielt, es gibt keine schützende Distanz zwischen Künstlerin und Publikum. Selbst den Tisch, der anfangs noch schützend zwischen ihr und ihrem Gegenüber steht, lässt sie im Laufe der 90-tägigen Retrospektive entfernen. Mit ihren Blicken schenkt die sie ihrem Gegenüber absolut aufrichtige, ungeteilte Aufmerksamkeit – etwas, das in unserer modernen, virtuellen Welt ein seltenes Gut geworden ist. Wie oft kommunizieren wir schließlich noch von Angesicht zu Angesicht, blicken unserem Gegenüber in die Augen? Marina Abramović erschafft eine Insel echter Empathie in einer Welt, in der wir zwar tausende virtuelle „Freunde“ haben, aber keinen, der sich derart schonungslos mit uns auseinandersetzt. Wie ein Spiegel schenkt sie den Menschen etwas, das man nicht kaufen kann: Schonungslose, ungeteilte Aufmerksamkeit.

Indem sie Zeit im Raum mit ihrem Körper, mit dem Publikum visualisiert, „entschleunigt“ sie das Publikum, das aus dem Großstadtgetümmel den Weg in die Räumlichkeiten des MoMA gefunden hat. Was die Menschen dort finden, ist nicht etwa eine spektakuläre Aktion oder ein außergewöhnliches Happening, sondern pures Sein[1]. Marina Abramović sprengt die Mauern, die wir zwischen uns hochgezogen haben und bringt sich – und damit auch das Publikum –  durch die Konfrontation mit Schmerz[2] in einen neuen Geisteszustand. Einen Zustand voller Schönheit und bedingungsloser Liebe, voller Leichtigkeit und Harmonie mit sich selbst, in dem es keine Grenzen mehr zwischen Körper und Umwelt gibt.[3]

Stream zu dem Film „The artist is present“ (in voller Länge!)
http://putlocker.bz/watch-marina-abramovic-the-artist-is-present-online-free-putlocker.html


Die Performancekunst von Marina Abramović
Mit folgenden Statements beschreibt Marina Abramović in einem Vortrag im Rahmen des „Live culture talk“ an der Tate Modern [4] ihre Auffassung von Performancekunst:

–       Performance ist Körperkunst – der Köper ist Ort des Geschehens
–       Performance hat nichts mit Theater zu tun: Man spielt keine Rolle, alles ist
echt (im Theater würde Ketchup fließen – in einer Performance fließt echtes
Blut)
–       Performance handelt von Zeit und Veränderung
–       Performance ist absolut gegenwärtig
–       Performance kann als mentale und physische Konstruktion betrachtet
werden, die der Performer um sich herum aufgebaut hat, in die er sich zu
         einer bestimmten Zeit, an einem bestimmten Ort begibt. Ziel ist eine
Veränderung der Energie im Raum

Abramovic Lips of Thomas

Marina Abramovic während der Performance von „Lips of Thomas“ im Guggenheim Museum, 14. November 2005. © Marina Abramovic. Courtesy: Sean Kelly Gallery, New York.[5]

Um all dies umzusetzen entwickelt Marina Abramović eigene Rituale, in denen sie ihre Beziehung zur Zeit, zu Objekten, Symbolen, zu anderen Individuen und dem eigenen Körper wie in einem Selbstversuch austestet. Sie beschäftigt sich mit dem Existentiellen, mit den Grenzen des menschlichen Körpers, schafft sich ihre eigenen Grenzen, um sie anschließend zu durchbrechen. Wenn eine Idee ihr Angst, Panik und Bauchschmerzen bereitet, muss sie sie umsetzen – tue man nur Dinge, die man mag, komme man nirgendwo hin. Dabei sei es wichtig, nicht die Balance zwischen Kontrolle und Kontrollverlust zu verlieren. „Alles, was man in einer Performance tut, ist wichtig. Es ist die Sprache, der Körper ist das Thema der Arbeit“[6].

Bei der Vorbereitung auf eine Performance sind für sie körperliche Reinigung und Reisen wichtige Elemente: Durch Meditation, Fasten und Abstinenz soll das Bewusstsein erweitert und die Selbstkontrolle vergrößert werden. Auf Reisen setzt sich die Künstlerin unvorhergesehenen Situationen aus, sammelt Inspiration und geht Risiken ein. Wiederholungen hält sie für eine gefährliche Angelegenheit, weshalb sie ihre Performances auch nicht probt – ein für Musiker unvorstellbarer Gedanke.
Für Marina Abramović muss Kunst störend sein und Fragen stellen. Welch ein eklatanter Unterschied zum heutigen Konzertbetrieb! Doch schlummern einige ihrer Gedanken womöglich bereits in der zeitgenössischen Musik?


Das Vergängliche in der Kunst – Parallelen zwischen der Performancekunst von Marina Abramović
und Beispielen aus der zeitgenössischen Musik
„Berühmte Kunstwerke werden im Schnitt 30 Sekunden betrachtet – hier[7] bleiben die Leute den ganzen Tag“, sagt Marina Abramović in einem Interview im Rahmen des Filmes „The artist ist present“.

Eine eigenartige Aussage, bedenkt man, dass für gewöhnlich allein der bildenden Kunst Beständigkeit nachgesagt wird. Musik und Performancekunst – ebenso wie alle anderen darstellenden Künste – gelten als ephemer, also vergänglich. Nicht umsonst war die Musik in der Barockzeit DIE Kunstform schlechthin, verkörperte sie in ihrer Flüchtigkeit doch den Inbegriff von „vanitas“[8] – einem zentralen Element der barocken Geisteswelt.
Marina Abramović dreht mit ihrer Sitz-Performance den Spieß um: Mit der Zeit als Last auf ihren Schultern wird sie selbst zum Kunstwerk, welches das Publikum fesselt, und noch weit über die Performance hinaus wirkt.

Abramovic Skelett

Standbild von Marina Abramovic, nackt mit Skelett, 2002. Courtesy the artist and Sean Kelly Gallery[9]

Ähnlich, wie Joseph Beuys in seinen Aktionen Klangskulpturen erzeugt, denen auch nach der Aktion in ihrer Stille der Klang und der schöpferische Vorgang innewohnt, erschafft Marina Abramović mit ihrem eigenen Körper lebendige Körperskulpturen, die in ihrer Kraft und Symbolhaftigkeit noch lange weiter wirken. Künstlerin und Objekt werden zu einer Einheit. Ein gutes Kunstwerk strahlt unsichtbare Energie aus[10] – ein Statement, das sowohl auf Beuys, als auch auf Abramović zutrifft.

In Marina Abramovićs Bestreben, dem Nichts tun nahe zu kommen, lässt sich auch eine Parallele zu den Ideen des Komponisten John Cage (1912-1992) ziehen: Beide beschäftigten sich eingehend mit östlichen Weisheitslehren, sodass sich in ihrem Werk häufig die „östliche Vorstellung von Verbundenheit und Kontemplation“[11] wiederfindet – die Stille und das Nichts sind wichtige Elemente ihres Schaffens. So wie John Cage dem Raum zwischen den Tönen Aufmerksamkeit schenkt, füllt Marina Abramović den Raum zwischen ihr und dem Publikum mit Aufmerksamkeit: Die Kraft liegt nicht im Objekt, sondern in der Beziehung zwischen Künstler und Publikum. Wie so oft im Leben ist nicht das WAS einer Handlung entscheidend, sondern das WIE.

Eine weitere Parallele zwischen ihrem Schaffen und der zeitgenössischen Musik ist das Bestreben Grenzen zu durchbrechen und das Mögliche neu auszuloten. Ähnlich wie viele Komponisten zeitgenössischer Musik danach streben, die technischen und musikalischen Grenzen des Instruments sowie des Musikers zu durchbrechen, bringt sich auch Marina Abramović immer wieder in grenzwertige Situationen, um eine neue Bewusstseinsebene zu erfahren.


[1] Hier kann auch eine Parallele zur Idee des „konkreten Klangs“, der Bestandteil der FLUXUS-Bewegung ist, gezogen werden: Kern ist die Reduzierung auf das Existentielle, auf das, was übrig bleibt, wenn man alles Beiwerk entfernt. Ein Knarzen etwa, das entsteht, wenn man mit dem Fingernagel über eine Klaviersaite fährt. Das pure Sein.

[2] Man beachte die enorme körperliche Belastung von siebenstündigem Sitzen ohne zu essen oder zu trinken, ohne sich zu bewegen oder auf die Toilette zu gehen

[3] Aus „Marina  The artist is present“ ein Film von Matthew Akers, USA 2012

[4] Aus: Vortrag von Marina Abramović im Rahmen des „Live culture talk“ am 29. März 2003 in der Londoner Tate Modern.
Quelle: http://www.tate.org.uk/context-comment/video/marina-abramovic-live-culture-talk http://www.tate.org.uk (abgerufen am 20. November 2013)

[6] Aus: Vortrag von Marina Abramović im Rahmen des „Live culture talk“ am 29. März 2003 in der Londoner Tate Modern.
Quelle: http://www.tate.org.uk/context-comment/video/marina-abramovic-live-culture-talk http://www.tate.org.uk (abgerufen am 20. November 2013)

[7] Anm.: Gemeint ist das MoMA

[8] lat. vanitas = „Vergänglichkeit“, „Eitelkeit“, „Nichtigkeit“

[10] Aus: Vortrag von Marina Abramović im Rahmen des „Live culture talk“ am 29. März 2003 in der Londoner Tate Modern.
Quelle: http://www.tate.org.uk/context-comment/video/marina-abramovic-live-culture-talk http://www.tate.org.uk (abgerufen am 20. November 2013)

[11] O’Reilly 2012, 45

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