John Cage – If you open a door and you celebrate it, it’s art

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John Cage
Als Sohn eines Erfinders und einer Zeitungsredakteurin hatte John Cage die besten Voraussetzungen für einen eigensinnigen und querdenkerischen Lebensweg: Wenn er auch zuerst in die Fußstapfen seiner Mutter treten und ebenfalls Schriftsteller werden wollte, entschloss er sich dann doch dazu bei Arnold Schönberg in Los Angeles Komposition zu studieren. Und das, obwohl er laut Schönberg keinerlei Gespür für Harmonie besaß!
Anstatt in die Fußstapfen seines Lehrers zu treten wählte er den Weg der Entsubjektivierung: Um sich von seinem persönlichen Geschmack zu distanzieren bediente er sich verschiedener Zufallsverfahren (“Music of Changes”, 1951, “Variations IV″, 1958), befragte zu diesem Zweck das chinesische I Ging, und beschäftigte sich mit Zen-Buddhismus. Dem Geräusch, ja sogar dem Lärm („Roaratorio“, 1979), aber auch der Stille („4’33’’“, 1952) räumte der die gleiche Bedeutung wie dem musikalischen Ton ein. Er brachte Kakteen zum Klingen („Child of tree“, 1975), erfand das präparierte Klavier (“Bacchanale”, 1940; “Sonatas and Interludes”, 1946/48) und holte das Radio auf die Konzertbühne (“Radio Music”, 1956; “Imaginary Landscape No.4″, 1951).
Als Freund des multimedialen Happenings und des parallelen Ablaufens verschiedener Aktionen war er eine Schlüsselfigur in der FLUXUS-Bewegung. Meist waren seine Stücke bei Tänzern beliebter als bei Musikern, was ihm auch die lange und intensive Zusammenarbeit mit dem amerikanische Tänzer und Choreographen Merce Cunningham einbrachte.

CageCunningham

John und Merce[1]

Der passionierte Pilzesammler John Cage lebte eine grenzenlose Offenheit. Er sprengte die Grenzen zwischen Kunst und Leben und war auch als bildender Künstler aktiv. Für sein Stück „Ryoanji“[2] etwa entwarf er zunächst eine Serie von Zeichnungen, bei denen er Steine zufällig auf Papier anordnete und dann mit dem Stift umrundete.

Ryoanji

Ryoanji – Zeichnung von John Cage[3]

Aus diesen Zeichnungen entstand später die Partitur zu seinem Stück „Ryoanji“.
„Noch heute ist der Name John Cage (1912-1992) gleichbedeutend mit ‚Revolution im Musikbetrieb’ und seine Skandale auslösende Musik, Nichtmusik und Happenings sind legendär.“[4]

Beispiele:


I have nothing to say and I am saying it[5]

Die Kunst Fragen zu stellen
Um sein Werk von persönlichen Vorlieben zu befreien, beschäftigte sich John Cage mit den Lehren des Zen-Buddhismus und arbeitete mit verschiedenen Zufallsverfahren. Mit Hilfe des magischen Quadrats und später der Befragung des chinesischen I Ging[6] entstanden zahlreiche meist graphisch notierte Werke, die dem Interpreten wiederum einen großen Interpretationsspielraum ließen.
Die Funktion von Kunst sei es dem Komponisten zufolge nicht, die persönlichen Ideen oder Gefühle einer Person mitzuteilen, sondern vielmehr Natur nachzuahmen.
Im Vorfeld einer Zufallsoperation klärte Cage zunächst das Feld der Möglichkeiten, in dem die Komposition stattfinden würde, um anschließend Fragen zu stellen, die radikal sein und an die Wurzel gehen sollten.
Er zweifelte stets und stellte alles in Frage: „Das Problem ist, dass die Leute erwarten, dass Ihnen etwas gefällt. Aber das ist Geschmack!“[7] „Ich stelle nur Fragen. Warum nennen sie mich also Komponist?“[8] Seine Antwort: Weil das Material der Musik Klang und Stille sind. Dies zu verflechten sei seiner Meinung nach Komposition.
Um Zufallsoperationen nutzen zu können, muss man also Fragen stellen. Die Kunst ist es dabei die richtigen Fragen zu stellen. Entgegen der landläufigen Meinung, Neue Musik im Allgemeinen und die Musik von John Cage im Speziellen sei beliebig, ist Cage ein wahrer Meister der Struktur! Wirken die Handlungen in seinen Werken auch oft willkürlich und lustig, so sind sie doch stets – meist durch Zufallsoperationen – festgelegt.

Die Gleichberechtigung von Klang und Stille
New York, Fifth Avenue – eine der berühmtesten Straßen der Welt. Und eine der lautesten gleich dazu… Hier lebte John Cage.
Doch wie kann es sein, dass jemand, der sich eingehend mit Zen-Buddhismus beschäftigte, der die Stille sogar in die Musik einführte, diesen lauten und hektischen Ort zu seinem Lebensmittelpunkt machte?
Die Klangerfahrung, die Cage allen anderen vorzog, war die Erfahrung der Stille. Und Stille war für ihn fast überall auf der Welt der Klang des Straßenverkehrs. Wenn man Beethoven oder Mozart höre, stelle man seiner Meinung nach fest, dass sie immer gleich klängen. Verkehr hingegen sei immer anders! Vielleicht erklärt sich Cages Auffassung von Stille auch, wenn man sein  berühmtes Stück „4’33’’“ von 1952 betrachtet: In drei Sätzen „tacet“ lässt er jegliche Aktivität seitens des Musikers weg.
Doch entsteht dabei wirklich Stille?

Cage4_33_

Partitur zu „4’33’’“[9]

Wenn man genau hinhört fällt einem auf, dass nach anfänglicher Ruhe die Wahrnehmung immer mehr auf die Geräusche und die Vorgänge im irritierten Publikum fällt. Manche Zuhörer beginnen zu flüstern, manche beginnen verunsichert im Programmheft zu blättern, vielleicht gibt es auch Pfiffe oder „Buh-Rufe“ – schließlich hat man hier ja für hochwertigen Musikgenuss bezahlt, und nicht für Nichts!

Im Allgemeinen fühlt sich Musik durch derartige Aktivitäten im Publikum gestört, hier ist es Teil des Stücks. Was also übrig bleibt, wenn man die Aktivität wegnimmt, ist der Raum dazwischen, die Geräusche des Publikums, oder eben die Klänge einer Stadt. Das ist Stille – sie ist das, was übrig bleibt, wenn man alles andere wegnimmt.

„Was wir Musik nennen erscheint mir so, als ob jemand spricht. Etwa über Gefühle, Beziehungen, Ideen.“ So Cage in einem Interview[10]. „Wenn ich Verkehrsgeräusche höre, habe ich nicht das Gefühl, dass jemand spricht. Vielmehr habe ich das Gefühl, dass der Klang aktiv ist. Ich liebe die Aktivität von Klang, von Geräuschen[11]: Sie werden lauter und leiser, höher und tiefer, länger und kürzer. Das reicht mir – Klang muss nicht mit mir sprechen.“ Vergleicht man Cages Beschreibung der Geräusche, die etwa lauter und leiser, länger und kürzer werden, mit den Parametern der Musik (wie Lautstärke, Tonlänge, Tonhöhe, …) fällt einem auf, dass sie sich in nichts unterscheiden. Geräusch, Klang und Musik – das war für John Cage ein und dieselbe Sache.
Für Cage musste Klang keine bestimmte Bedeutung haben, musste nicht vorgeben irgendetwas zu sein. Er liebte Klang so, wie er ist – allein das war für ihn schon Musik.
Lachend formuliert er mit einem Zitat von Immanuel Kant seine Einstellung zur Musik: „Es gibt zwei Dinge, die gar nichts bedeuten müssen: Das eine ist Musik und das andere ist Lachen“.

CageLachen

Portrait by Susan Schwartzenberg/The Exploratorium[12]

Ähnlich der Idee von Marcel Duchamp, dass alles Kunst sein kann, konnten für Cage alle Klänge und Geräusche Musik sein. Die Klänge, die ihn umgaben, waren für ihn gewissermaßen ein akustisches Ready-made. Vielleicht könnte man in Analogie zu Duchamp sagen, dass so, wie für Duchamp der Unterschied zwischen einem „object trouvée“[13] und einem „Ready-made“ im bewussten Auswählen lag, für John Cage der Unterschied zwischen Lärm und Musik in der bewussten Wahrnehmung lag.

If you open a door and celebrate it, it’s art
Warum empfinden wir manche Dinge als schön und andere nicht? Und wieso sind wir der Meinung, dass Kunst schön zu sein hat?
John Cage begegnete dieser Problematik, indem er sich zunächst fragte, warum ihm etwas als schön erschien, oder eben nicht. Schnell entdeckte er, dass es keinen Grund gab, wenn es einem nur gelang sich von den Vorstellungen von Ordnung und Geschmack zu befreien: „Wenn wir das erobern können, was wir nicht mögen, und beginnen können das zu mögen, was wir vorher nicht mochten, dann ist die Welt offener.“[14]
Für Cage konnte alles Kunst sein: Die Stille, der Lärm, ein verwüstetes Kinderzimmer… Entscheidend für ihn war die eigene Wahrnehmung dabei: Mit geschärften Sinnen durch die Welt zu gehen, auch die kleinen Dinge wahrzunehmen, auch in Altbekanntem noch das Neue finden zu wollen. Durch seine Musik ist Cage dazu gekommen, die Klänge in seiner Umgebung zu genießen. Vielleicht kommt hier als Sohn eines Erfinders auch der Entdeckergeist seines Vaters zum Vorschein?

Schönes Beispiel für Cages „Entdeckergeist“:


Musik und Tanz/ Cage und Cunningham
Mit Merce Cunningham arbeitete Cage mit einem von Amerikas wichtigsten Tänzern und Choreographen zusammen. Seit den 40er Jahren machten sie sich zum gemeinsamen Ziel, dass Musik und Tanz unabhängig nebeneinander bestehen konnten und sich nicht – wie sonst üblich – gegenseitig illustrierten. Musik und Tanz waren für sie einfach zwei Dinge, die zur selben Zeit im selben Raum stattfanden. Eine Begebenheit, die im täglichen Leben ganz normal ist! Die gemeinsame Achse war die rhythmische Struktur – was Tanz und Musik gemeinsam hatten, war die Zeit. Sie einigten sich auf gewisse Strukturpunkte, waren dazwischen aber frei.
Eine weitere Frucht aus der Zusammenarbeit von John Cage und Merce Cunningham  war die Arbeit mit dem präparierten Klavier, für das Cage später unter anderem berühmt werden sollte: Er wollte für Cunningham schreiben, aber das Theater, in dem gespielt wurde, war sehr klein. Es gab nur ein Klavier vor der Bühne. Also präparierte er das Klavier, um mehr Klänge erzeugen zu können.

Cage präpariertes Klavier

Von John Cage präpariertes Klavier[15]

Eine besondere Rolle bei den gemeinsamen Aufführungen von Cage und Cunningham kam dem Publikum zu (vgl. auch Bedeutung des Publikums bei Marina Abramović): Durch die Unabhängigkeit von Tanz und Musik sollte der Zuschauer gewissermaßen zum dritten Punkt in einem Dreieck werden – und somit in Anlehnung an die Idee von Marcel Duchamp,nämlich dass erst der Betrachter die Kunst macht, das Werk vervollständigen. Dabei ist jedes Dreieck anders, da sich je nach Tag, Ort und Stimmung die Punkte des Dreiecks verändern.
Cages Affinität zum Tanz und somit zur gestischen und körperlichen Komponente des Musizierens zeigt sich schließlich auch in Stücken wie „Child of tree“ von 1975, in dem er mit einer Nadel auf einem akustisch verstärkten Kaktus spielt. Neben dem ungewöhnlichen Klangerlebnis zieht hier auch der plastische Vorgang des Spielens das Publikum in seinen Bann (vgl. auch die plastische Komponente in der Musik bei Beuys)

Zeit und Raum
Der Faktor Zeit ist ein zentrales Element in den Werken von John Cage: Oft legt er die Aktionen in seinen Stücken entlang einer Zeitachse an. Er ordnet die Klänge also bewusst; aus Lärm wird Musik[16].
Im Laufe seines Lebens schrieb John Cage zahlreiche „Zeitstücke“, aber auch das Stück „Speech“ von 1955 für fünf Radios und Sprecher war zeitlich festgelegt:


Time-length pieces:

„We don’t see much difference between time and space: „We don’t know where one begins and the other stops“[17]. Wenn wir darüber nachdenken – so Cage – hat die meiste Kunst im Raum, in der Zeit stattgefunden. Hierbei verweist John Cage in seinem Interview „John Cage about silence“ wieder auf Marcel Duchamp: Er begann Musik nicht mehr als „Zeitkunst“, sondern vielmehr als „Raumkunst“ zu betrachten. Mit seinem Stück „scuplture musicale“ wollte Duchamp ein Kunstwerk erschaffen, bei dem verschiedene Klänge, von verschiedenen Orten kommend, andauern und so eine Skulptur bilden, „die klangvoll und beständig ist“[18].

Ebenso, wie Cage in seinen „time-length pieces“ sich dem Faktor „Zeit“ widmet, ist der Faktor „Raum“ das bestimmende Element in Stücken wie „Variations IV“ (1963): Hier dürfen sich die Ausführenden ausschließlich auf zuvor durch Zufallsoperationen festgelegten Linien bewegen, um auf diesen kurze Klangschnipsel aus unserem kollektivem musikalischen Gedächtnis zum Klingen zu bringen.

Alles in allem war John Cage wohl der einzige Komponist, dem es gelang in seinem Werk auf derart subtile und humorvolle Art Musik, bildende Kunst, Leben und Philosophie zu verbinden.


[2] Ryōan-ji ist ein ZenTempel in Kyōto mit einem berühmten Zen-Garten

[4] http://changexchange.wordpress.com/john-cage/ (abgerufen am 23. Januar 2014)

[5] Die folgenden Kapitel beziehen sich auf folgende Quellen:
–       John Cage Documentary 1 (http://www.youtube.com/watch?v=Y3hO7B80dWQ, abgerufen am 24. Januar 2014)
–       John Cage Documentary 2 (http://www.youtube.com/watch?v=o6_z-rvhMOc, abgerufen am 24. Januar 2014)
–       John Cage Documentary 3 (http://www.youtube.com/watch?v=dkLzCkA7JLo, abgerufen am 24. Januar 2014)
–       John Cage Documentary 4 (http://www.youtube.com/watch?v=YP1TWBqvPow, abgerufen am 24. Januar 2014)
–       Chance Conversations: An Interview with Merce Cunningham and John Cage (http://www.youtube.com/watch?v=ZNGpjXZovgk, abgerufen am 24. Januar 2014)
–       John Cage about silence (http://www.youtube.com/watch?v=pcHnL7aS64Y, abgerufen am 24. Januar 2014)

[6] Das I Ging, auch „Buch der Wandlungen“ genannt, ist eine altes chinesisches Münzorakel

[7] John Cage Documentary 3

[8] John Cage Documentary 1

[9] Bildquelle: http://manifestosarchive.blogspot.de/2011/11/john-cage-433.html (abgerufen am 27.Januar 2014)

[10] John Cage about silence

[11] Cage spricht hier von „sound“, was sowohl „Klang“, aber auch „Geräusch, Ton“, und „Schall“ bedeutet. Der englische Begriff umfasst also anders als im Deutschen verschiedene klangliche Qualitäten von Klang.

[12] Bildquelle: http://newalbion.com/artists/cagej/ (abgerufen am 27. Januar 2014)

[13] „object trouvée“ = ein gefundener Gegenstand

[14] John Cage Documentary 1

[16] vgl. auch Ready-made bei Duchamp.

[17] John Cage about silence

[18] „which is sonorous and which remains“

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